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Okeanos

Okeanos (griechisch Ὠκεανός, latinisiert Oceanus) ist in der griechischen Mythologie die göttliche Personifikation eines die bewohnte Welt umfließenden gewaltigen Stromes, der – gemeinsam mit der Meeresgöttin Tethys – als der Vater aller Flüsse und der Okeaniden gilt und gelegentlich gar als Vater der Götter und Ursprung der Welt erscheint.

Mythos Bearbeiten

Okeanos ist bei Homer sowohl Ursprung der Welt als auch der Strom, der die Welt umfließt und vom Meer unterschieden wird. Er ist der Ursprung der Götter sowie aller Flüsse, Meere, Quellen und Brunnen, von denen jedoch nur Eurynome und Perse namentlich genannt werden. Seine Gattin ist die Meeresgöttin Tethys, mit der er sich nach der Erzählung Heras im Streit befindet und die daher auch keine weiteren Nachkommen mehr hervorbringt:

Denn ich geh’ an die Grenzen der nahrungsprossenden Erde,
Dass ich den Vater Okeanos schau’, und Thetis die Mutter
Diese geh’ ich zu schaun, und den heftigen Zwist zu vergleichen.
Denn schon lange Zeit vermeiden sie einer des andern
Hochzeitbett und Umarmung, getrennt durch bittere Feindschaft.

Diese ansonsten in der griechischen Literatur nicht fassbare Erzählung von der Trennung des Urpaares wird teils auf den Einfluss kosmogonischer Mythen des Alten Orients zurückgeführt, insbesondere wegen der engen Parallele zum Mythos von Apsu und Tiamat im babylonischen Schöpfungsmythos Enûma elîsch.

Mächtiger als Okeanos scheint allein Zeus zu sein, da Hypnos – laut eigener Aussage – „selbst des Okeanos wallende Fluten“, nicht aber Zeus einzuschläfern vermag. An der Versammlung der Götter im Olymp, zu der auch Flüsse und Bäche geladen sind, nimmt er als einziger nicht teil. Er fließt um das Elysion und begrenzt die Unterwelt. Auf seiner Fahrt zur Unterwelt segelt Odysseus daher zunächst durch die Strömung des Flusses Okeanos, um dann zur Insel Aiaia am östlichen Ende der Oikumene zu gelangen, „allwo der dämmernden Frühe / Wohnung und Tänze sind, und Helios leuchtender Aufgang“. Helios steigt täglich aus dem Okeanos auf, um abends wieder in ihm unterzugehen; auch die Gestirne baden in ihm. Okeanos wird dabei als „in sich zurückfließender“, also kreisförmiger Strom bezeichnet, was seiner Darstellung auf dem von Hephaistos als Abbild der Welt gestalteten Schild des Achilleus entspricht: er ist der äußerste Rand, der die bewohnbare Erdscheibe umfließt. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft leben mythische Randvölker wie die Aithiopier und Pygmäen im Süden, die Kimmerer im Norden und Ungeheuer wie die Harpyien im Westen.

Nach Hesiod wohnen im Westen des Okeanos die Gorgonen, die Hesperiden und Geryoneus. Auch die Quellen des Okeanos werden von ihm im Westen verortet. Neun Teile seiner Gewässer umfließen die Welt, während der Styx als der zehnte Teil im Inneren der Erde fließt, um aus dem Fels zu entspringen:

Oceanos
Dort haust ferner, ein Graus für die Ewigen, Styx, die gewaltge,
Göttin, des kreisenden Herrschers Okeanos älteste Tochter.
Doch sie wohnt von den Himmlischen fern im herrlichen Hause,
Oben von mächtigen Felsen gedeckt; auf jeglicher Seite
Ringsum strebt es empor gen Himmel mit silbernen Säulen.
Zeus dann sendet die Iris, der Götter gewaltigen Eidschwur
Fern in goldener Kanne zu holen, gefeiertes Wasser,
Das von der Höh' aus steilem Gestein kalt rieselt herunter,
Unter der Erde sodann, der weitumwanderten, mächtig
Aus dem geheiligten Strom als Zweig des Okeanos flutet
Hin durch düstere Nacht; stets bleibt dies Zehntel gesondert.
Während neun, mit silbernen Wirbeln umschlängelnd die Erde
Und den gebreiteten Rücken des Meers, hinströmen zur Salzflut,
Fließt allein es vom Felsen dahin zum Wehe der Götter.

Bei Hesiod werden Okeanos und Tethys in die Genealogie der Titanen eingebunden und erscheinen demnach als Nachkommen der Gaia und des Uranos. Ihre Nachkommen sind 3000 Flüsse und 3000 Okeaniden, von denen 25 Flüsse und 41 Okeaniden namentlich genannt werden, darunter bedeutende Flüsse wie der Nil, der Eridanos oder der Phasis und als älteste der Okeaniden Styx. Von den übrigen Titanen hebt sich Okeanos insofern deutlich ab, als er sich am Sturz des Uranos nicht beteiligt und bei der Titanomachie auf der Seite des Zeus gegen seine Geschwister kämpft.

Die orphischen Theogonien beschreiben ebenso wie die Theogonie Hesiods eine Herrschaftsabfolge, siedeln Okeanos in ihren Genealogien aber weiter oben an. Er erscheint dort als Vater der Titanen und sogar des Uranos. Bei Alexander von Aphrodisias steht er als Nachfolger des Chaos an zweiter Stelle noch vor Nyx. Darin drückt sich der Gedanke aus, dass Okeanos als nährendes Wasser der Vater aller Dinge sein müsse. Diese Auffassung war schon bei Homer angeklungen, wenn Hera von Okeanos als dem „Ursprung der Götter“ oder sogar von jenem, der „allen Geburt verlieh“, spricht.

Bei Pindar erscheint Okeanos sowohl als Fluss als auch als Meer. Das Gebiet jenseits der Säulen des Herakles gilt als nicht befahrbar, da dort die Finsternis herrsche, die Argonauten durchfahren demnach das Rote Meer und den dahinter liegenden südlichen Okeanos.

Aischylos lässt Okeanos in seiner Tragödie Der gefesselte Prometheus auf einem vierbeinigen Vogel heranfliegen, um Prometheus, dem Sohn seines Bruders Iapetos und seiner Tochter Asia, zu helfen. Gemeinsam hatten sie in der Titanomachie gegen die olympischen Götter gekämpft, bis Okeanos zu diesen überwechselte. Es gelingt Okeanos nicht, Prometheus zu einem Kompromiss mit Zeus zu bewegen, weshalb er am Ende der Szene in Richtung des Vogelstalls entschwebt, damit dieser seine Knie ausruhen könne. Da diese Darstellung des Okeanos keine Übereinstimmung mit einer Bildtradition aufweist, wird sie als eine dramaturgische Erfindung des Aischylos aufgefasst.

Darstellung Bearbeiten

Da Okeanos keine feste mythologische Gestalt aufweist und demnach die Zuschreibung einer Darstellung meist nur aufgrund von Inschriften erfolgen kann, ist er nur selten auf griechischen Denkmälern bezeugt.